Erhard, Ludwig

Erhard, Ludwig
Erhard, Ludwig
 
Erhard wurde am 4. Februar 1897 in Fürth (Bayern) geboren, studierte nach kaufmännischer Lehre und Teilnahme am 1. Weltkrieg Volks- und Betriebswirtschaft und war seit 1928 wissenschaftlich in Nürnberg tätig. 1945 wurde er Professor in München und Wirtschaftsberater der amerikanischen Militärregierung, 1945/46 war er bayerischer Minister für Handel und Gewerbe, anschließend der Leiter der Sonderstelle für Geld und Kredit. Seit März 1948 Direktor der Verwaltung für Wirtschaft des Vereinigten Wirtschaftsgebiets (Bizone), bereitete Ludwig Erhard die Währungsreform vor und erklärte - an den Besatzungsmächten vorbei - am 20. Juni 1948 für wichtige Wirtschaftsbereiche das Ende der Zwangswirtschaft.
 
Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland trat Erhard als Bundeswirtschaftsminister in das erste Kabinett Adenauer ein und blieb in diesem Amt auch in allen folgenden von Adenauer geführten Bundesregierungen bis 1963. Er hatte mit dem von ihm politisch durchgesetzten Konzept der sozialen Marktwirtschaft wesentlichen Anteil am schnellen wirtschaftlichen Wiederaufstieg der Bundesrepublik Deutschland. Der erfolgreiche Wirtschaftsminister hat als »Wahllokomotive« erheblich dazu beigetragen, dass die CDU/CSU unter Adenauer die Bundestagswahlen 1953, 1957 und 1961 mit deutlichem Vorsprung vor der SPD gewinnen konnte. Als daher 1961 der 85-jährige Adenauer aufgrund einer Forderung des Koalitionspartners FDP sich verpflichten musste, nach der Hälfte der neuen Legislaturperiode das Amt des Bundeskanzlers einem jüngeren Nachfolger zu übergeben, wurde ganz selbstverständlich in der Öffentlichkeit die Nominierung Erhards erwartet. Die CDU/CSU-Fraktion hat ihn schließlich zum neuen Bundeskanzler vorgeschlagen, obwohl sich Adenauer hartnäckig gegen die Kandidatur Erhards gesträubt hat.
 
Als Bundeskanzler (seit Oktober 1963) konnte Erhard im September 1965 erneut die Bundestagswahl mit der CDU/CSU gewinnen, aber bei der Regierungsbildung ergaben sich erhebliche Schwierigkeiten durch die starken Gegensätze zwischen der CSU und der FDP, die sich hartnäckig und erfolgreich gegen einen Eintritt des CSU-Vorsitzenden Strauß in die neue Koalitionsregierung zur Wehr setzte. In der Außenpolitik versuchte Erhard, im Zuge der weltweit einsetzenden Entspannungspolitik neue Initiativen zur Normalisierung der Beziehungen zu den Staaten des Warschauer Paktes zu entwickeln. Er bot den osteuropäischen Ländern mit seiner Friedensnote vom 25. März 1966 Gewaltverzichtsabkommen an. Weil jedoch die DDR hierbei ausgeklammert wurde und die Bundesregierung unbeirrt an der Hallsteindoktrin festhielt, brachte dieser Schritt keinen Erfolg. Da Erhard und sein Außenminister Gerhard Schröder als »Atlantiker« dem engen Kontakt zu den USA und dem atlantischen Bündnis den Vorrang gegenüber den Europa-Vorstellungen des französischen Staatspräsidenten de Gaulle einräumten, kühlte sich das deutsch-französische Verhältnis merklich ab. Demgegenüber setzten die »Gaullisten« in der CDU/CSU, angeführt von Franz Josef Strauß, auf eine enge Zusammenarbeit mit Frankreich.
 
Innenpolitisch setzte 1966 eine nicht erwartete wirtschaftliche Rezession ein, die zu Arbeitslosigkeit und zu einer sich rasch verschärfenden Haushaltskrise führte. Im Streit um den Haushaltsausgleich brach schließlich die Regierungskoalition auseinander, die FDP-Minister traten am 27. Oktober 1966 zurück. Die empfindliche Wahlniederlage der CDU im bevölkerungsreichsten Land Nordrhein-Westfalen im Juli 1966 wurde von seinen Parteifreunden dem Führungsstil Erhards angelastet. Als in den Landtagswahlen in Hessen und Bayern im November 1966 die rechtsradikale NPD überraschend viele Stimmen erhielt, begannen Spitzenpolitiker der CDU/CSU, während Erhard noch mit einem Minderheitskabinett regierte, mit der SPD Verhandlungen über die Bildung einer Großen Koalition und entschieden sich für Kurt Georg Kiesinger als neuen Bundeskanzler. Erhard trat am 30. November 1966 zurück.
 
Am 23. Mai 1967 gab er auch den Parteivorsitz der CDU, den er seit März 1966 innegehabt hatte, an Kiesinger ab. Mit seiner Wahl zum Ehrenvorsitzenden der CDU hat die Parteiführung eine nachträgliche Wiedergutmachung angestrebt. Erhard starb am 5. Mai 1977 in Bonn. Als »Vater des deutschen Wirtschaftswunders« ist er in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen.

Universal-Lexikon. 2012.

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